Wir unterhielten uns gerade mit einem lokalen Kollegen in der Notaufnahme des Al-Aqsa-Krankenhauses, als wir es hörten. Einschläge von Raketen, irgendwo im zentralen Teil des Gazastreifens. Wieder Deir al-Balah. Mitten in der offiziell so genannten "humanitären Zone" – eine Bezeichnung, die in der Realität niemals existiert hat. Die Meldung kam schnell: Ein Gebetsraum und eine Krankenstation in einer Schule, in der vertriebene Familien Schutz suchten, waren getroffen worden. Innerhalb von Minuten trafen die ersten Patienten ein. Wieder einmal waren viele von ihnen Kinder, etwa 30 %.
Eines davon war ein zehnjähriger Junge mit Schrapnellsplittern im Kopf. Ohne Operation konnte die Blutung nicht gestoppt werden. Doch es war kein Operationssaal frei. So wurde die Entscheidung an Ort und Stelle getroffen, weil es keine verbleibende Alternative gab: Wir lassen das Kind sterben. Es dauerte etwa anderthalb Stunden. Gleichzeitig hatten wir einen Krankenwagen und ein Team in Bereitschaft, bereit für medizinische Evakuierungen. In dreißig Minuten hätten wir ihn in einem israelischen Krankenhaus haben können.
In fünfundvierzig Minuten hätten wir ein Krankenhaus in Ägypten erreichen können. Doch spontane medizinische Evakuierungen für palästinensische Patienten gibt es nicht. Ich frage mich immer wieder: Warum sollte man einem zehnjährigen Kind lebensrettende medizinische Hilfe verweigern? Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass es auf diese Frage nur eine Antwort gibt, und zwar die, die niemand laut aussprechen will. Weil Israel einen Völkermord an der palästinensischen Bevölkerung begeht.